www.pferdundwagen.com 4/2025 Pferd & Wagen 31 Am nächsten Hof wurde diese Geschichte mit Begeisterung aufgenommen. Ein Journalist der lokalen Zeitung wurde informiert, ein Treffen am Abend arrangiert, und schließlich erschien ein Bericht im Lokalteil der Kreiszeitung Verden. Von nun an führten die Strecken wieder stärker nach Norden, wobei sich die charakteristischen Birkenalleen des Oldenburger Münsterlands allmählich in die offene Landschaft der Geest verwandelten, die mit ihren Mooren, Wallhecken und Wiesen einen ganz eigenen Reiz besitzt. Die Tage blieben abwechslungsreich: In Wilstedt mussten Ingrids Ponys eingefangen werden, nachdem sie von ihrer Weide ausgebüxt waren und dem Planwagen hinterherlaufen wollten. In Rhade nahmen sie am Storchenfest teil und kamen mit den Einheimischen ins Gespräch. Die Erfahrung zeigte: Plattdeutsch ist tatsächlich eine eigene Sprache, sodass sie öfter nachfragen und sich Übersetzungen geben lassen mussten. Beim Reit- und Fahrverein Kuhstedt in Gnarrenburg wurde es noch einmal feuchtfröhlich, denn einige Wanderfahrer des Vereins waren eigens zum Fachsimpeln vorbeigekommen. In Hollnseth legten sie zwei Ruhetage ein, da der Beifahrerwechsel länger dauerte. Die letzte Etappe wurde bewusst in zwei Stationen aufgeteilt, um die Reise noch ein wenig zu verlängern und das Erlebnis in der abwechslungsreichen Geestlandschaft auszukosten. Wattwagenfahrt zur Insel Neuwerk An einem Freitagnachmittag erreichten sie den WattfahrtenStall Fock in Cuxhaven und damit auch die Nordsee – das Ziel ihrer Reise. Doch ein besonderes Erlebnis stand noch aus: die Wattwagenfahrt zur Insel Neuwerk. Diese Fahrten werden von mehreren Betrieben in Cuxhaven angeboten, darunter auch vom Stall Fock. Um mit dem Pferdewagen zur Insel und zurück zu gelangen, ist präzise Planung notwendig: Man muss so früh starten, dass das Wasser bereits abläuft, die Priele aber dennoch einen relativ hohen Wasserstand haben. Nur so ist es möglich, nach einer kurzen Pause auf Neuwerk rechtzeitig mit der Ebbe zurückzufahren. In den Prielen kann der Wasserstand bis zu 1,20 Meter betragen – Ingrids Pferde samt Kutsche hätten schwimmen müssen, bevor sie wieder festen Grund unter den Rädern gehabt hätten. Und so schlossen sie sich der vom Hof organisierten Wattfahrt an. Die Abfahrtszeiten richten sich streng nach den Gezeiten und verschieben sich täglich. Besonders beeindruckend war für sie das Aufschirren und Anspannen der großen Kaltblüter vor den Wagen, bevor es im Konvoi hinaus ins Watt geht. Rund 20 Kaltblüter wurden von der Weide geholt, aufgereiht in der Stallgasse mit einer kräftigen Portion Kraftfutter versorgt und anschließend paarweise vor die Kutschen gespannt. Geduldig und ruhig standen sie da, während ihnen das Geschirr angelegt, sie angespannt und die Wagen planmäßig beladen wurden. Die Fahrt durch das Watt dauert etwa eineinhalb Stunden – die Sonne glitzert auf dem Wasser, die salzige Luft weht ins Gesicht. Besonders beeindruckend ist der Moment, wenn die Gespanne die tiefen Priele durchqueren: Instinktiv zieht man die Füße an und beobachtet aufmerksam den Wasserstand. Auch von anderen Orten machen sich Wattwagen auf den Weg, unterwegs trifft man sich und fährt gemeinsam weiter zur Insel. Ein unvergessliches Erlebnis! Auf dem Rückweg ist das Wasser fast vollständig zurückgegangen. Jetzt wagen sich viele Menschen zu Fuß oder zu Pferd auf den Weg zur Insel – meistern sie die ganze Strecke, bleibt ihnen für den Rückweg jedoch nur die Fähre oder sie müssen auf der Insel übernachten. Am folgenden Tag wird alles um- und eingepackt, man sagt sich herzlich Lebewohl und tritt die Heimreise an. Eins ist sicher: Wanderfahren macht süchtig! ■ km 36 24 12 6 0 358,7 km 60:30 h 479 m 486 m Schwierigkeit schwer Kutschfahrt Kutschtour Nordsee Teil 1 1 / 2 Die Route vom Emsland zur Nordsee führt durch den Naturpark Wildeshauser Geest. Grafik: outdooractive
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